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to quiet the mind

von steffen wolf, komponist und musiker

Ich möchte über Carmen Hillers´ Kunst schreiben, von ihrem Kosmos erzählen, ich möchte neugierig machen auf ihre sehr besonderen Gemälde und Zeichnungen.

 

Ich glaube nicht, dass man Kunst erklären kann – das könnte ich auch gar nicht, denn ich bin zwar Amateur, Liebhaber der Kunst, aber kein Kunsthistoriker oder sonstiger Spezialist. Kunst erklären erscheint mir auch immer so ein bisschen, wie einen Witz umständlich erklären zu wollen – das Eigentliche kommt zu kurz.                                       

 

Ich will nicht erklären, aber ich kann erzählen davon, dass ich als Musiker seit einem Vierteljahrhundert Carmens Hillers´ Arbeiten belausche. Dass ich seit 25 Jahren erleben darf, wie ein weitverzweigtes künstlerisches Werk entsteht, voller Ernsthaftigkeit und Mut und Eigenständigkeit ins Nichts hinein. Dies ist ein Versuch über die wichtigsten Eigenarten, über die Klarheit und das Geheimnis ihrer Kunst.  

 

Wenn man über Carmens Hillers´ Kunst schreiben will, sollte man vielleicht damit beginnen, wie ihr Gesamtwerk aufgebaut ist. Mich erinnert es immer an etwas Organisches, sehr Natürliches, Lebendiges. Alles scheint auf geheimnisvolle Art miteinander verbunden zu sein – vielleicht wie Bäume oder Pilze über unsichtbare, sehr weit reichende und dicht verwobene Verbindungswege. Die Verbindungen werden geschaffen durch verschiedene, selbst entwickelte Grundformen, auf der die Kompositionen ihrer Bilder beruhen und die immer wieder variiert, gefüllt und malerisch befragt werden. Diesen Formen-Kanon kann man durchaus als Carmen Hillers´ künstlerische DNS bezeichnen. Und hier stößt man auf einen ersten wichtigen Punkt: Carmen Hillers betrachtet ihre Kunst als Forschung, ein Suchen, das sich, was Tiefe, Bedeutung und Potenz gewisser Grundformen angeht, über viele Jahre hinziehen kann.  

 

Grundformen, die auch dem Zyklus „To quiet the mind“ zugrunde liegen, werden oft durch Musik angeregt. Ganz konkret entstanden dutzende Spontanzeichnungen während eines Heine-Liederabends, den ich vor über 10 Jahren gegeben habe. Die Künstlerin ist dabei ganz intuitiv vorgegangen – quasi ohne Denken.  Das mit den Zeichnungen prall gefüllte Skizzenbuch wird dann über lange Zeit selbst Forschungsgegenstand und regelrecht durchpflügt. Carmen Hillers wählt nach – auch ihr nicht bewussten Kriterien – bestimmte Formen aus, die „etwas zu sagen haben“, das können Ausschnitte und manchmal sehr kleine, und später erst vergrößerte Linienmuster sein.  

 

Das ist für mich eine der spannendsten Fragen, die das Nachdenken über Kunst kennt: was ist das eigentlich für eine ganz spezielle Instanz, von der selbst der Künstler selbst nichts wirklich Erhellendes zu sagen vermag, und die solche Grundformen aufspürt? Die weiß, wie das Bild im weiteren Verlauf angelegt werden soll, und dann auch weiß, wann ein Bild gelungen, oder eben gerade auch nicht gelungen, und wann ein Bild fertig für die Welt ist.

 

Carmen Hillers´ Gemälde beruhen also auf Formen, die ausschließlich aus ihrem künstlerischen Kosmos stammen, die keinen Bezug zur sichtbaren Welt aufweisen. Ihre Formensprache ist eben nicht abstrahierte Wirklichkeit (ein sehr „krickel-krackel gemalter Apfel), sondern vollständig autark geschaffende Formenvielfalt.

 

Und da sehe ich eine unglaubliche Nähe zur Musik: denn parallel zur Frage, was bedeutet ein ungegenständliches Bild, wenn es gar nichts aus der sichtbaren Welt darstellt, stellt sich diese ja auch bei der Musik. Was bedeutet Musik? Bildet sie etwas ab, was wir auch sehen könnten?  

 

Ich bin der festen Überzeugung, dass Musik – ich denke hier zum Beispiel an eine Fuge von Bach, eine Jazzimprovisation oder eine unbegleitete Klarinettenmelodie – nichts Sichtbares abbildet; ich glaube sogar, dass sie nichts Konkretes erzählt á la: Melancholische Landschaft, der Held sucht verzweifelt seine Geliebte oder den heiligen Gral. Noch nicht mal ein eindeutiges Gefühl oder ein Affekt werden von Bach, bzw. vom jeweiligen Tonkünstler „verkomponiert“. So nüchtern es vielleicht für einen Musiker klingen mag: für mich besteht Bachs Kunst – und Musik überhaupt –  , wie jemand im 19. Jahrhundert sagte, aus „tönend bewegten Formen“. Das klingt nicht sonderlich gefühlvoll – aber wir alle wissen, was für großartige Bewusstseinszustände durch Musik in uns ausgelöst werden können! Und das, ohne, dass sie eine benennbare Bedeutung hat!  Und da sehe ich die große Nähe zwischen Carmen Hillers´ Kunst und der Musik: beide bilden nichts ab, illustrieren nicht die Wirklichkeit, sondern erreichen uns durch ein ausgeklügeltes Spiel mit geistigen Formen. Wie genau, bleibt für mich ein Geheimnis. Auch, wie unterschiedlich und individuell konkrete Malerei – so kann man Hillers´ Kunst bezeichnen – und Musik auf verschiedene Menschen wirken. Da liegt Freiheit: niemand ist gezwungen etwas so oder so zu empfinden!  

 

Und in einem weiteren Punkt ähneln sich Malerei und Musik: sie beide bringen Formen in bestimmte Proportionen zueinander. Proportionen sind Spannungsverhältnisse, man könnte auch sagen sichtbare, hörbare und bei beiden Disziplinen spürbare Zahlen. Wenn man Carmen Hillers´ Bilder genau betrachtet, finden sich überraschend viele harmonische Proportionsverhältnisse, die den Teilungsverhältnissen der klingenden Saite entsprechen, also den Intervallen Oktave, Quinte, Quart und Terz – aber auch schärfere, herausforderndere Klänge, wie Septime und Sekunde. Diesen ausgefeilten „Bauplänen“ werden subtil Farben und Strukturen zugeordnet. Dies alles ist äußerst fein und nuancenreich ausbalanciert. 

 

Herausforderung ist ebenfalls ein zentraler Begriff für Carmen Hillers. Sie folgt konsequent ihrem künstlerischen Weg, sucht und forscht aufrichtig, benutzt keine Tricks, sondern baut sich immer wieder selbst neue Hürden auf, um ihre besondere Form der Wahrheit und Schönheit zu finden.

 

Und sie fordert durch ihre klare und strenge Formensprache auch viel vom Betrachter. Ihre ästhetische Haltung erinnert in vielen Aspekten an die asiatische Zen-Ästhetik. Und diese ist kurz gesagt eine Ästhetik der Stille und Reduzierung und auch Strenge. Einfachheit in einem tiefen Sinn und Klarheit zeichnen Carmen Hillers´ Kunst aus. Der Malerkollege Dieter Asmus nannte sie darum auch einmal „Die Meisterin des gemalten Haikus“. Das trifft es hervorragend, ist doch das Haiku, jenes japanische Kurzgedicht, das beste Beispiel für äußerste Verdichtung und dabei höchste Poesie. Und davon singen auch Carmen Hillers´ Bilder in hohem Maße: von der Poesie und Schönheit der Stille.  

 

Ja: für mich klingen und singen die Bilder der Carmen Hillers. Sie entfalten ihren Gesang, ihre Schönheit nicht immer sofort, im Vorüberhasten oder beim schnellem Durchscrollen, sondern vor allem, und dann besonders intensiv, im Innehalten, in der Konzentration, in der Ruhe –  to quiet the mind“ – um den Geist zu beruhigen.  

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