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Von der liebe unter den künsten

von dieter asmus, künstler

 „Carmen“, fragte ich die Malerin Carmen Hillers, „Dein Name ist ja vielfach mit der Musik verbunden. Einmal durch das lateinische Wort für Lied, zum anderen mit der unverwüstlichen Oper gleichen Namens: Warum bist Du eigentlich Malerin geworden?“ Gibt sie womöglich den reziproken Gustav Mahler, der ja bekanntlich nicht Maler, sondern Musiker geworden ist? Lösung; Sie hat es gar nicht nötig, da sie  mit dem Komponisten und Sänger Steffen Wolf verheiratet ist, und diese Platte, die Sie gerade in Händen halten, ist das erste materielle Zeugnis ihrer jahrelangen, ja, jahrzehntelangen Zusammenarbeit. Wie hat man sich das vorzustellen?   

 

Originalton Steffen Wolf: “Bei dem Stück Acht Blicke auf Mondenschein ist der Beginn der Komposition ein Abtasten, ein zartes Berühren des Bildes, ein Nachzeichnen der einzelnen Bildelemente. In dieser beinahe sinnlichen Befragung sammle ich  Grundthemen für die mehrsätzige Komposition. Fast scheint es mir, das Ganze ist wie ein Belauschen. Das Bild wird nicht „vertont“, es gibt vielmehr das Samenkorn für die musikalische Komposition“.   

 

Nun ist die Liebe zwischen Malerei und Musik ja nicht unbedingt auf den ersten Blick einleuchtend.  Zwischen den Bildenden Künsten ist die Sache relativ einfach.  Auf der Kunsthochschule  trifft z.B. ein Bildhauer eine Malerin: fachliche Übereinstimmung, also gemeinsame Schnittmenge beider Disziplinen ca. 90%   man versteht sich. Haarig wird es dann, wenn (wie hier in unserem Hause) eine Schriftstellerin einem Maler (also mir) erklären soll, was das tertium comparationis zwischen einem Jugendstiltext (sagen wir Hofmannsthal) und einem Jugendstilbild ist (z.B. Klimt). Kleine schwarze Zappelzeichen, vulgo Buchstaben, haben nun mal a priori nichts mit einem u. U. starkfarbigen Gemälde zu tun. Dennoch ist die Sache eindeutig, nur schwer in Sekundärsprache zu fassen!   

 

Bei Carmen Hillers  und Steffen Wolf liegt der Fall auch nicht viel einfacher.  Ihre (ich sage der Einfachheit halber mal: abstrakten) Bilder haben zwar Klangfarbe, Rhythmus, Komposition, also starke Entsprechungen in der Musik, die ja von Natur aus abstrakt ist, besser: nicht-gegenständlich sein kann und will (in meiner Studienzeit war übrigens die Hauptforderung an Maler „wie Musik zu malen“!).  

  

Sie kann, wie z. B. ich, keine Gans „bilden“ (die Spannweite so eines Bildes liegt zwischen den Extremen konkreter Beobachtung und abstrakter Organisation der Form). Das „Gegenständliche“, ihre materielle Anbindung an die materielle Welt, ist das Intimste und Atavistischste, das man sich vorstellen kann, nämlich unser eigener Körper. Seine gewollten und unwillkürlichen, vegetativen Bewegungen, der Rhythmus des Herzschlags, der Rhythmus des Atmens, endlich, mit diesen eng verbunden, der Rhythmus des Gehens (das „Andante“). Bewegungs-, Arbeits- und Kontaktgeräusche, Geräusche andrer Lebewesen, schließlich, als das zweite Extrem, die Töne, die „Musik“ des Vogelgesanges – diese ganze Bandbreite   umfasst die Musik in organisierter und zu einem gewollten Ausdruck „verdichteter“ Form. Da sie so stark mit unserem Körper verbunden ist, berührt sie uns am direktesten:   und lässt uns tanzen!  

 

 Carmen Hillers Bilder sind ungegenständlich und flächig (an Cézanne und Klee geschult) meist verhalten in der Farbe, oft klein ( unter 1qm), manchmal winzig (weshalb ich sie schon mal „Meisterin des gemalten Haikus“ genannt habe, ihre Neigung gen Japan, wo sie demnächst ausstellen wird, notorisch). Sie malt lavierend/lasierend auf zarte Papiere und mit Eitempera auf sehr empfindliche, ungrundierte Tuche (Voile), so dass diese  durchscheinend bleiben und eine flirrende, irritierende  Quasi-Räumlichkeit entsteht, kontrastierend gegen deckende Partien. Ein größerer Kontrast als zu meinen Arbeiten (realistisch, großformatig, räumlich) ist schwerlich denkbar, dennoch klappt die Verständigung 1A, ein Wunder europäischer Mal-Kultur!   

 

Wenn man die große Wand in Carmens letzter Ausstellung in Blankenese gesehen hat, ist klar, dass sie nach musikalischen Prinzipien „komponiert“ wurde, fast im Sinne einer Partitur: keine Einzelwerke (obwohl jedes der unterschiedlich großen Formate für sich bestehen kann), sondern Cluster, rhythmisch, als Ablauf mit Leserichtung, allerdings auch gegenläufig, aber immer in Bewegung, im Fluss. „Dass meine Arbeiten, mein bildnerisches Denken und Fühlen, eine musikalische Wirkung haben, ist nicht zu übersehen“, sagt sie selbst.   

 

Soll man also ein (vorläufiges) Fazit aus der Zusammenarbeit von Carmen Hillers und Steffen Wolf ziehen, kann man beobachten: Beider Arbeiten, Musik und Malerei, bleiben bei aller Interaktion, autonom, sie laufen – in einem gewissen Abstand – wie zwei Parallelen nebeneinander her, geistig-künstlerische Interferenz-Blitze schießen hin und wider und kommentieren einander, ein Dialog auf höchster Ebene. Wir, die Zuhörer/Zuschauer, die wir keinen Finger gekrümmt haben, allerdings unsere Sinne weit geöffnet und unsere Empfindungen trainiert haben, sind die doppelt verwöhnten Nutznießer!