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carmen hillers - ein porträt

von dr. barbara aust-wegemund, kunsthistorikerin

Wenn von Entsprechungen zwischen Optischem und Akustischem gesprochen wird, steht die Synästhesie zur Diskussion. Mit dieser Analogie von Ton und Farbe beschäftigt sich die Künstlerin Carmen Hillers. Die Klangwelt und das Ordnungsprinzip, der Umgang mit Proportionen entsteht im Kopf der Künstlerin, deren Klangformen in der Malerei ihren Ausdruck finden - exemplarisch in Schuberts Winterreise und Schumanns Dichterliebe.
In einer Bilderserie, gemalt in Eitempera auf Voile, findet man Schuberts Lieder wieder: still, mal tiefdunkel, dann wieder hell aufflackernd, fragil, in kalten Farben rhythmisch in das Gewebe gearbeitet. Schwermütig und traurig kommen sie daher, die Lieder aus Schuberts „Winterreise", die von Lebensunlust und Sinnlosigkeit des Daseins geprägt sind. Daher resultieren auch die übermäßig vielen Lieder in Moll-Tonarten. In den ersten 12 Liedern sind lediglich zwei in Dur gehalten („Der Lindenbaum" und „Frühlingstraum"). Das Spiel in Moll war für Schubert ein Symbol seiner letzten Lebensjahre, von Schwermut geprägt und von Krankheit gezeichnet.
Carmen Hillers besitzt die Fähigkeit, den sehr reflektierten Prozess ihrer Malerei in gleichsam organisch gewachsene, ausbalancierte Kompositionen zu verwandeln. Das Wagnis, das sie dabei eingeht, scheint stetig zuzunehmen. Immer großflächiger werden die aneinander gefügten Flächen. Immer zurückgenommener und gezielter wird der Einsatz der Farben. Ganz subtil funktioniert der Einsatz von Durchbrechungen bzw. Öffnungen der Bildoberfläche durch den zart schimmernden Voile-Stoff. Das Weniger ist ein Mehr an Bewusstheit über die eingesetzten Mittel, ist hinzu gewonnene Tiefe und Hintergründigkeit. Die Fassade schützt und versiegelt das darunter Liegende. Auf diese Weise stehen die in Erscheinung tretenden Öffnungen in einem höchst gesteigerten Spannungsverhältnis zur Oberfläche. Diese Durchbrüche im Bild lassen das gesamte Gefüge in Schwingung geraten und bringen die vermeintliche Stabilität ins Wanken. Geheimnisvoll, zart und berührend gewähren diese Öffnungen und Abweichungen von Farbe, Struktur und Klangfarbe einen Einblick in die Seele und das Gedächtnis von Bildern und Musik. Die Zuspitzung und Konzentration auf nur wenige, grundlegende Elemente, der virtuose Umgang mit einer Form von Purismus verbindet die Malerei Carmen Hillers mit der Musik Schuberts. Denn seine Lieder sind nicht darauf angelegt, das Spiel der Solisten durch vordergründige Virtuosität zum Glänzen zu bringen. Man wird so sehnsüchtig, wenn man Schuberts Winterreise hört. Der Reisende schreitet hinkend fort und fort und kommt nie so richtig an. Angeschnitten und in sich vollständig zugleich sind auch die Bilder von Carmen Hillers. Wiegend und bergend - ohne wirklich zu beruhigen, ohne wirkliche Besänftigung. Bei aller Klarheit und Einfachheit der Stücke, sind sie so komplex und vielfältig wie der Anblick ankommender Wellen, die sich als äußerste Boten des Meeres in hauchdünnen Schichten im Sand verlaufen, ausdünnen, verschwinden, zarte Spuren hinterlassen und doch Anteil an der immensen Fülle und Gewalt des Ganzen, des Meeres haben. Auch die Bilderserie zu Schumanns Dichterliebe besteht aus Teilen bzw. Klangfeldern, die fortschreitend immer komplexer und durchbrochener werden.

Die Kompositionen der Künstlerin können von allen Seiten betrachtet werden, da die vertikale und horizontale Bildgliederung ein organisches Ganzes bildet. Die Bildfläche öffnet sich so in vielfältige Lesarten und Interpretationsrichtungen, sie gerät in Bewegung. Das Auge beginnt sich auf die sich gegenseitig aufladenden Farbfelder zu konzentrieren. Vom großen Rot in das kleine Schwarz, hinein in das große Hellgrau, in das große Weiß, und wieder in das kleine Schwarz und große Rot und zurück ins Zentrum. Und dann fängt es an, das Hellgrau zu lesen, das Hellgrau, das niemals wirklich Hellgrau ist. Überall sind Spuren von etwas anderem, etwas darunter Liegenden zu erahnen. Die einheitliche Bindung zerfällt, kein Grau ist Grau, kein Schwarz ist Schwarz, kein Rot ist Rot. Die Oberfläche scheint verletzt im Drunter und Drüber, in den Unebenheiten der Leinwand aus Voile. Das zufällig Scheinende erweist sich als bewusstes Kompositionselement, um sogleich wieder in subtile Zufälligkeiten zu zerfallen.

Die Arbeiten Carmen Hillers sind autonom und gänzlich unabhängig von wechselnden Kunsttrends. Mit Überlagerungen und Verklammerungen der verschiedenen Bildebenen, gelingt es der Künstlerin, ein spannungsreich sensibles Bildgefüge zu schaffen, das Schwingung und Stimmung der Musik nicht nur wiedergibt, sondern auch harmonisch entstehen lässt.