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To quiet the mind

 

Ich möchte über Carmen Hillers´ Kunst schreiben, von ihrem Kosmos erzählen, ich möchte neugierig machen auf ihre sehr besonderen Gemälde und Zeichnungen.

Ich glaube nicht, dass man Kunst erklären kann – das könnte ich auch gar nicht, denn ich bin zwar Amateur, Liebhaber der Kunst, aber kein Kunsthistoriker oder sonstiger Spezialist. Kunst erklären erscheint mir auch immer so ein bisschen, wie einen Witz umständlich erklären zu wollen – das Eigentliche kommt zu kurz.                                      

Ich will nicht erklären, aber ich kann erzählen davon, dass ich als Musiker seit einem Vierteljahrhundert Carmens Hillers´ Arbeiten belausche. Dass ich seit 25 Jahren erleben darf, wie ein weitverzweigtes künstlerisches Werk entsteht, voller Ernsthaftigkeit und Mut und Eigenständigkeit ins Nichts hinein. Dies ist ein Versuch über die wichtigsten Eigenarten, über die Klarheit und das Geheimnis ihrer Kunst.

 

Wenn man über Carmens Hillers´ Kunst schreiben will, sollte man vielleicht damit beginnen, wie ihr Gesamtwerk aufgebaut ist. Mich erinnert es immer an etwas Organisches, sehr Natürliches, Lebendiges. Alles scheint auf geheimnisvolle Art miteinander verbunden zu sein – vielleicht wie Bäume oder Pilze über unsichtbare, sehr weit reichende und dicht verwobene Verbindungswege. Die Verbindungen werden geschaffen durch verschiedene, selbst entwickelte Grundformen, auf der die Kompositionen ihrer Bilder beruhen und die immer wieder variiert, gefüllt und malerisch befragt werden. Diesen Formen-Kanon kann man durchaus als Carmen Hillers´ künstlerische DNS bezeichnen. Und hier stößt man auf einen ersten wichtigen Punkt: Carmen Hillers betrachtet ihre Kunst als Forschung, ein Suchen, das sich, was Tiefe, Bedeutung und Potenz gewisser Grundformen angeht, über viele Jahre hinziehen kann.

 

Grundformen, die auch dem Zyklus „To quiet the mind“ zugrunde liegen, werden oft durch Musik angeregt. Ganz konkret entstanden dutzende Spontanzeichnungen während eines Heine-Liederabends, den ich vor über 10 Jahren gegeben habe. Die Künstlerin ist dabei ganz intuitiv vorgegangen – quasi ohne Denken. 

Das mit den Zeichnungen prall gefüllte Skizzenbuch wird dann über lange Zeit selbst Forschungsgegenstand und regelrecht durchpflügt. Carmen Hillers wählt nach – auch ihr nicht bewussten Kriterien – bestimmte Formen aus, die „etwas zu sagen haben“, das können Ausschnitte und manchmal sehr kleine, und später erst vergrößerte Linienmuster sein.

 

Das ist für mich eine der spannendsten Fragen, die das Nachdenken über Kunst kennt: was ist das eigentlich für eine ganz spezielle Instanz, von der selbst der Künstler selbst nichts wirklich Erhellendes zu sagen vermag, und die solche Grundformen aufspürt? Die weiß, wie das Bild im weiteren Verlauf angelegt werden soll, und dann auch weiß, wann ein Bild gelungen, oder eben gerade auch nicht gelungen, und wann ein Bild fertig für die Welt ist.

Carmen Hillers´ Gemälde beruhen also auf Formen, die ausschließlich aus ihrem künstlerischen Kosmos stammen, die keinen Bezug zur sichtbaren Welt aufweisen. Ihre Formensprache ist eben nicht abstrahierte Wirklichkeit (ein sehr „krickel-krackel gemalter Apfel), sondern vollständig autark geschaffende Formenvielfalt.

Und da sehe ich eine unglaubliche Nähe zur Musik: denn parallel zur Frage, was bedeutet ein ungegenständliches Bild, wenn es gar nichts aus der sichtbaren Welt darstellt, stellt sich diese ja auch bei der Musik. Was bedeutet Musik? Bildet sie etwas ab, was wir auch sehen könnten?

 

Ich bin der festen Überzeugung, dass Musik – ich denke hier zum Beispiel an eine Fuge von Bach, eine Jazzimprovisation oder eine unbegleitete Klarinettenmelodie – nichts Sichtbares abbildet; ich glaube sogar, dass sie nichts Konkretes erzählt á la: Melancholische Landschaft, der Held sucht verzweifelt seine Geliebte oder den heiligen Gral. Noch nicht mal ein eindeutiges Gefühl oder ein Affekt werden von Bach, bzw. vom jeweiligen Tonkünstler „verkomponiert“. So nüchtern es vielleicht für einen Musiker klingen mag: für mich besteht Bachs Kunst – und Musik überhaupt –  , wie jemand im 19. Jahrhundert sagte, aus „tönend bewegten Formen“. Das klingt nicht sonderlich gefühlvoll – aber wir alle wissen, was für großartige Bewusstseinszustände durch Musik in uns ausgelöst werden können! Und das, ohne, dass sie eine benennbare Bedeutung hat!  Und da sehe ich die große Nähe zwischen Carmen Hillers´ Kunst und der Musik: beide bilden nichts ab, illustrieren nicht die Wirklichkeit, sondern erreichen uns durch ein ausgeklügeltes Spiel mit geistigen Formen. Wie genau, bleibt für mich ein Geheimnis. Auch, wie unterschiedlich und individuell konkrete Malerei – so kann man Hillers´ Kunst bezeichnen – und Musik auf verschiedene Menschen wirken. Da liegt Freiheit: niemand ist gezwungen etwas so oder so zu empfinden!

 

Und in einem weiteren Punkt ähneln sich Malerei und Musik: sie beide bringen Formen in bestimmte Proportionen zueinander. Proportionen sind Spannungsverhältnisse, man könnte auch sagen sichtbare, hörbare und bei beiden Disziplinen spürbare Zahlen. Wenn man Carmen Hillers´ Bilder genau betrachtet, finden sich überraschend viele harmonische Proportionsverhältnisse, die den Teilungsverhältnissen der klingenden Saite entsprechen, also den Intervallen Oktave, Quinte, Quart und Terz – aber auch schärfere, herausforderndere Klänge, wie Septime und Sekunde. Diesen ausgefeilten „Bauplänen“ werden subtil Farben und Strukturen zugeordnet. Dies alles ist äußerst fein und nuancenreich ausbalanciert. 

Herausforderung ist ebenfalls ein zentraler Begriff für Carmen Hillers. Sie folgt konsequent ihrem künstlerischen Weg, sucht und forscht aufrichtig, benutzt keine Tricks, sondern baut sich immer wieder selbst neue Hürden auf, um ihre besondere Form der Wahrheit und Schönheit zu finden.

Und sie fordert durch ihre klare und strenge Formensprache auch viel vom Betrachter. Ihre ästhetische Haltung erinnert in vielen Aspekten an die asiatische Zen-Ästhetik. Und diese ist kurz gesagt eine Ästhetik der Stille und Reduzierung und auch Strenge. Einfachheit in einem tiefen Sinn und Klarheit zeichnen Carmen Hillers´ Kunst aus. Der Malerkollege Dieter Asmus nannte sie darum auch einmal „Die Meisterin des gemalten Haikus“. Das trifft es hervorragend, ist doch das Haiku, jenes japanische Kurzgedicht, das beste Beispiel für äußerste Verdichtung und dabei höchste Poesie. Und davon singen auch Carmen Hillers´ Bilder in hohem Maße: von der Poesie und Schönheit der Stille.

 

Ja: für mich klingen und singen die Bilder der Carmen Hillers. Sie entfalten ihren Gesang, ihre Schönheit nicht immer sofort, im Vorüberhasten oder beim schnellem Durchscrollen, sondern vor allem, und dann besonders intensiv, im Innehalten, in der Konzentration, in der Ruhe –  to quiet the mind“ – um den Geist zu beruhigen.

 

 

Steffen Wolf, Komponist und Musiker

Von der Liebe unter den Künsten

 

Von Dieter Asmus

 

 „Carmen“, fragte ich die Malerin Carmen Hillers, „Dein Name ist ja vielfach mit der Musik verbunden. Einmal durch das lateinische Wort für Lied, zum anderen mit der unverwüstlichen Oper gleichen Namens: Warum bist Du eigentlich Malerin geworden?“ Gibt sie womöglich den reziproken Gustav Mahler, der ja bekanntlich nicht Maler, sondern Musiker geworden ist? Lösung; Sie hat es gar nicht nötig, da sie  mit dem Komponisten und Sänger Steffen Wolf verheiratet ist, und diese Platte, die Sie gerade in Händen halten, ist das erste materielle Zeugnis ihrer jahrelangen, ja, jahrzehntelangen Zusammenarbeit. Wie hat man sich das vorzustellen? 

 

Originalton Steffen Wolf: “Bei dem Stück Acht Blicke auf Mondenschein ist der Beginn der Komposition ein Abtasten, ein zartes Berühren des Bildes, ein Nachzeichnen der einzelnen Bildelemente. In dieser beinahe sinnlichen Befragung sammle ich  Grundthemen für die mehrsätzige Komposition. Fast scheint es mir, das Ganze ist wie ein Belauschen. Das Bild wird nicht „vertont“, es gibt vielmehr das Samenkorn für die musikalische Komposition“. 

 

Nun ist die Liebe zwischen Malerei und Musik ja nicht unbedingt auf den ersten Blick einleuchtend.  Zwischen den Bildenden Künsten ist die Sache relativ einfach.  Auf der Kunsthochschule  trifft z.B. ein Bildhauer eine Malerin: fachliche Übereinstimmung, also gemeinsame Schnittmenge beider Disziplinen ca. 90%   man versteht sich. Haarig wird es dann, wenn (wie hier in unserem Hause) eine Schriftstellerin einem Maler (also mir) erklären soll, was das tertium comparationis zwischen einem Jugendstiltext (sagen wir Hofmannsthal) und einem Jugendstilbild ist (z.B. Klimt). Kleine schwarze Zappelzeichen, vulgo Buchstaben, haben nun mal a priori nichts mit einem u. U. starkfarbigen Gemälde zu tun. Dennoch ist die Sache eindeutig, nur schwer in Sekundärsprache zu fassen! 

 

Bei Carmen Hiller und Steffen Wolf liegt der Fall auch nicht viel einfacher.  Ihre (ich sage der Einfachheit halber mal: abstrakten) Bilder haben zwar Klangfarbe, Rhythmus, Komposition, also starke Entsprechungen in der Musik, die ja von Natur aus abstrakt ist, besser: nicht-gegenständlich sein kann und will (in meiner Studienzeit war übrigens die Hauptforderung an Maler „wie Musik zu malen“!).  

 

Sie kann, wie z. B. ich, keine Gans „bilden“ (die Spannweite so eines Bildes liegt zwischen den Extremen konkreter Beobachtung und abstrakter Organisation der Form). Das „Gegenständliche“, ihre materielle Anbindung an die materielle Welt, ist das Intimste und Atavistischste, das man sich vorstellen kann, nämlich unser eigener Körper. Seine gewollten und unwillkürlichen, vegetativen Bewegungen, der Rhythmus des Herzschlags, der Rhythmus des Atmens, endlich, mit diesen eng verbunden, der Rhythmus des Gehens (das „Andante“). Bewegungs-, Arbeits- und Kontaktgeräusche, Geräusche andrer Lebewesen, schließlich, als das zweite Extrem, die Töne, die „Musik“ des Vogelgesanges – diese ganze Bandbreite   umfasst die Musik in organisierter und zu einem gewollten Ausdruck „verdichteter“ Form. Da sie so stark mit unserem Körper verbunden ist, berührt sie uns am direktesten:   und lässt uns tanzen!  

 

Carmen Hillers Bilder sind ungegenständlich und flächig (an Cézanne und Klee geschult) meist verhalten in der Farbe, oft klein ( unter 1qm), manchmal winzig (weshalb ich sie schon mal „Meisterin des gemalten Haikus“ genannt habe, ihre Neigung gen Japan, wo sie demnächst ausstellen wird, notorisch). Sie malt lavierend/lasierend auf zarte Papiere und mit Eitempera auf sehr empfindliche, ungrundierte Tuche (Voile), so dass diese  durchscheinend bleiben und eine flirrende, irritierende  Quasi-Räumlichkeit entsteht, kontrastierend gegen deckende Partien. Ein größerer Kontrast als zu meinen Arbeiten (realistisch, großformatig, räumlich) ist schwerlich denkbar, dennoch klappt die Verständigung 1A, ein Wunder europäischer Mal-Kultur! 

 

Wenn man die große Wand in Carmens letzter Ausstellung in Blankenese gesehen hat, ist klar, dass sie nach musikalischen Prinzipien „komponiert“ wurde, fast im Sinne einer Partitur: keine Einzelwerke (obwohl jedes der unterschiedlich großen Formate für sich bestehen kann), sondern Cluster, rhythmisch, als Ablauf mit Leserichtung, allerdings auch gegenläufig, aber immer in Bewegung, im Fluss. „Dass meine Arbeiten, mein bildnerisches Denken und Fühlen, eine musikalische Wirkung haben, ist nicht zu übersehen“, sagt sie selbst. 

 

Soll man also ein (vorläufiges) Fazit aus der Zusammenarbeit von Carmen Hillers und Steffen Wolf ziehen, kann man beobachten: Beider Arbeiten, Musik und Malerei, bleiben bei aller Interaktion, autonom, sie laufen – in einem gewissen Abstand – wie zwei Parallelen nebeneinander her, geistig-künstlerische Interferenz-Blitze schießen hin und wider und kommentieren einander, ein Dialog auf höchster Ebene. Wir, die Zuhörer/Zuschauer, die wir keinen Finger gekrümmt haben, allerdings unsere Sinne weit geöffnet und unsere Empfindungen trainiert haben, sind die doppelt verwöhnten Nutznießer!

 

Lyric Pieces und Serie bianca

 

Es ist vor allem die schwingende Leichtigkeit, die so viele Werke von Carmen Hillers bestimmt, selbst wenn die Farben stark verdichtet aufgetragen sind wie bei den Lyric Pieces.  Die Bilder schwingen nicht nur in Formen und Rhythmen der Linien, sondern auch im Farbauftrag. Es sind keine Leinwände, sondern Carmen Hillers malt auf leichtem Stoff, Voile, ein wenig lichtdurchlässig, der als Struktur unter der Farbe sichtbar bleibt: Denn die Farbe, als Eitempera aufgetragen, wird in den Flächen schwingen wie Töne der Musik.  Aus der Nähe lässt sich erkennen, dass in dieser Malerei jeder Pinselstrich nicht nur „sitzt“, sondern er schwingt im Rahmen eines zarten Liniengespinstes, das in der Regel nicht auf die Farbe gesetzt ist, sondern durch minutiöse Aussparungen entsteht, bei denen darunter liegende Farbschichten oder das reine Gewebe des Stoffes hervortreten.

 

Und erst recht ist die Serie bianca, die Weiße Serie, von Leichtigkeit geprägt. Die Linien bestehen aus feinen Seidenbändern, mit der Hand aus bemalten Stoffen ausgeschnitten. Erst beim Fixieren auf den weißen Karton werden die Linien und Formen spontan und meditativ modelliert. Dabei entstehen lebhafte Ränder, vergleichbar den Graten einer Kaltnadelradierung, eine Erfindung Rembrandts: Mit der Radiernadel wird in die Kupferplatte kraftvoll geritzt, wodurch die Ränder der Linien ausgefranste Grate erhalten, die die spontane Handschrift des Künstlers erkennen lassen. Eine solche Spontaneität ist ein wesentliches Merkmal für Hillers‘ Arbeiten aus der Serie bianca, die andererseits eine große Ruhe ausstrahlen.

 

Thomas Sello, HAMBURGER KUNSTHALLE

 

 

 

Über den Zyklus KLANGFORMEN von Carmen Hillers

 

Alle Bilder, die zu diesem Zyklus gehören, sind als offfene Werke gedacht – offen zu den anderen KLANGFORMEN und offen dem Betrachter gegenüber, den sie einladen, die Formen und Ornamente über den Bildrand hinaus fortzusetzen. Dies bedeutet zugleich eine aktive Kontaktaufnahme, die zwischen den Bildern mögliche Anknüpfungspunkte und Verbindungen zeigt. Die Formen scheinen sich über die vier Seiten hinaus fortzuentwickeln – auf keinem Bild sind Formen gänzlich eingeschlossen, aufgehoben, begrenzt. Jedes Bild wirkt wie ein Ausschnitt einer bestimmten Klangwelt. Eine der vorausgegangenen Werkgruppen trägt den Titel WAHLVERWANDTSCHAFTEN. Dieser Begriff setzt Kräfte voraus, die getrennte und durchaus gegensätzliche Elemente zueinander in Beziehung setzen. Das kann Anziehung oder Abstoßung bedeuten. Und diese Kräfte sind deutlich auch bei den Bildern dieses Zyklus‘ wirksam. Für die Künstlerin ist deshalb die Betrachtung des Einzelbildes in Kombination zu anderen Bildern sowie die Frage „wie ‚rum?“ von großer Bedeutung – in dieser Befragung zeigen sich die Kräfte, die zur Verwandtschaft drängen. 

Als Regelwerk dient ein Alphabet von 6 Formen, die die Künstlerin aus vorangegangenen Arbeiten heraus destilliert hat und auf die sie sich ausschließlich bezieht. Diese Formen werden immer wieder variiert, gedreht, gespiegelt und neu zueinander in Beziehung gesetzt.  Carmen Hillers geht mit ihrem Formenmaterial aber nicht baukastenartig um, sondern spielerisch, zurückhaltend und beobachtend – sie wartet auf das eigenständige Zueinanderstreben der Elemente und greift dies als Impuls auf.

 

Die Formen und ihre Proportionen zueinander sind denselben Gesetzen wie die Klänge der Musik unterworfen. Das bekannteste harmonische Verhältnis – der „Goldene Schnitt“ – entspricht beispielsweise dem Teilungsverhältnis der Quinte. Es ist faszinierend zu sehen, wie in Carmen Hillers‘ Klangformen harmonische Grundproportionen bis in Kleinstbereiche vorherrschen, ohne dass diese bewusst geplant wären. Dies ist aber nicht so zu verstehen, dass die Bilder einzig von harmonischen Verhältnissen, d.h. von Wohlklang geprägt wären. Vielmehr setzt die Künstlerin auf differenzierte Weise klassische Proportionen in spannungsreiche Beziehungen zueinander. 

Bedenkt man, wie sehr in harmonischer Musik Begriffe des Hinstrebens und Wegstrebens, der energetischen Beziehungen der Intervalle selbst zueinander eine Rolle spielen, ahnt man die Möglichkeit eines Klanges, der darin unterschieden von Musik, nicht der zeitlichen Aufeinanderfolge bedarf, sondern im Bild als Kräftespiel ständig vorhanden ist.

Die Klanglichkeit der Proportionen wird verstärkt durch die Leichtigkeit, die der Malgrund, die zarte Voile, den Farben ermöglicht. Indem der Stoff die Farben leicht abperlen lässt, entsteht ein  schwebender, schwingender Eindruck von Farbflächen. Deren Struktur, die Schwingung, der mit kleinen Pinseln aufgebrachten Farbe, erzielt auf das ganze Bild gesehen einen charakteristischen Klang. Das Zusammentreffen dieser sinnlichen und im besten Sinne oberflächlichen Klanglichkeit mit dem bewussten geistigen Spiel von Klang in der Komposition macht den besonderen Reiz dieses Zyklus‘ aus.

 

 Steffen Wolf, Komponist

 

 

Carmen Hillers – ein Porträt

Wenn von Entsprechungen zwischen Optischem und Akustischem gesprochen wird, steht die Synästhesie zur Diskussion. Mit dieser Analogie von Ton und Farbe beschäftigt sich die Künstlerin Carmen Hillers. Die Klangwelt und das Ordnungsprinzip, der Umgang mit Proportionen entsteht im Kopf der Künstlerin, deren Klangformen in der Malerei ihren Ausdruck finden - exemplarisch in Schuberts Winterreise und Schumanns Dichterliebe.
In einer Bilderserie, gemalt in Eitempera auf Voile, findet man Schuberts Lieder wieder: still, mal tiefdunkel, dann wieder hell aufflackernd, fragil, in kalten Farben rhythmisch in das Gewebe gearbeitet. Schwermütig und traurig kommen sie daher, die Lieder aus Schuberts „Winterreise", die von Lebensunlust und Sinnlosigkeit des Daseins geprägt sind. Daher resultieren auch die übermäßig vielen Lieder in Moll-Tonarten. In den ersten 12 Liedern sind lediglich zwei in Dur gehalten („Der Lindenbaum" und „Frühlingstraum"). Das Spiel in Moll war für Schubert ein Symbol seiner letzten Lebensjahre, von Schwermut geprägt und von Krankheit gezeichnet.
Carmen Hillers besitzt die Fähigkeit, den sehr reflektierten Prozess ihrer Malerei in gleichsam organisch gewachsene, ausbalancierte Kompositionen zu verwandeln. Das Wagnis, das sie dabei eingeht, scheint stetig zuzunehmen. Immer großflächiger werden die aneinander gefügten Flächen. Immer zurückgenommener und gezielter wird der Einsatz der Farben. Ganz subtil funktioniert der Einsatz von Durchbrechungen bzw. Öffnungen der Bildoberfläche durch den zart schimmernden Voile-Stoff. Das Weniger ist ein Mehr an Bewusstheit über die eingesetzten Mittel, ist hinzu gewonnene Tiefe und Hintergründigkeit. Die Fassade schützt und versiegelt das darunter Liegende. Auf diese Weise stehen die in Erscheinung tretenden Öffnungen in einem höchst gesteigerten Spannungsverhältnis zur Oberfläche. Diese Durchbrüche im Bild lassen das gesamte Gefüge in Schwingung geraten und bringen die vermeintliche Stabilität ins Wanken. Geheimnisvoll, zart und berührend gewähren diese Öffnungen und Abweichungen von Farbe, Struktur und Klangfarbe einen Einblick in die Seele und das Gedächtnis von Bildern und Musik. Die Zuspitzung und Konzentration auf nur wenige, grundlegende Elemente, der virtuose Umgang mit einer Form von Purismus verbindet die Malerei Carmen Hillers mit der Musik Schuberts. Denn seine Lieder sind nicht darauf angelegt, das Spiel der Solisten durch vordergründige Virtuosität zum Glänzen zu bringen. Man wird so sehnsüchtig, wenn man Schuberts Winterreise hört. Der Reisende schreitet hinkend fort und fort und kommt nie so richtig an. Angeschnitten und in sich vollständig zugleich sind auch die Bilder von Carmen Hillers. Wiegend und bergend - ohne wirklich zu beruhigen, ohne wirkliche Besänftigung. Bei aller Klarheit und Einfachheit der Stücke, sind sie so komplex und vielfältig wie der Anblick ankommender Wellen, die sich als äußerste Boten des Meeres in hauchdünnen Schichten im Sand verlaufen, ausdünnen, verschwinden, zarte Spuren hinterlassen und doch Anteil an der immensen Fülle und Gewalt des Ganzen, des Meeres haben. Auch die Bilderserie zu Schumanns Dichterliebe besteht aus Teilen bzw. Klangfeldern, die fortschreitend immer komplexer und durchbrochener werden.

Die Kompositionen der Künstlerin können von allen Seiten betrachtet werden, da die vertikale und horizontale Bildgliederung ein organisches Ganzes bildet. Die Bildfläche öffnet sich so in vielfältige Lesarten und Interpretationsrichtungen, sie gerät in Bewegung. Das Auge beginnt sich auf die sich gegenseitig aufladenden Farbfelder zu konzentrieren. Vom großen Rot in das kleine Schwarz, hinein in das große Hellgrau, in das große Weiß, und wieder in das kleine Schwarz und große Rot und zurück ins Zentrum. Und dann fängt es an, das Hellgrau zu lesen, das Hellgrau, das niemals wirklich Hellgrau ist. Überall sind Spuren von etwas anderem, etwas darunter Liegenden zu erahnen. Die einheitliche Bindung zerfällt, kein Grau ist Grau, kein Schwarz ist Schwarz, kein Rot ist Rot. Die Oberfläche scheint verletzt im Drunter und Drüber, in den Unebenheiten der Leinwand aus Voile. Das zufällig Scheinende erweist sich als bewusstes Kompositionselement, um sogleich wieder in subtile Zufälligkeiten zu zerfallen.

Die Arbeiten von Carmen Hillers sind autonom und gänzlich unabhängig von wechselnden Kunsttrends. Mit Überlagerungen und Verklammerungen der verschiedenen Bildebenen, gelingt es der Künstlerin, ein spannungsreich sensibles Bildgefüge zu schaffen, das Schwingung und Stimmung der Musik nicht nur wiedergibt, sondern auch harmonisch entstehen lässt.

 

                                                                                                        Dr. Barbara Aust, Kunsthistorikerin